Heiko Mehnert

Ich bin Chef, also bin ich

19. Juni 2019

Die Geschichte vom gemeinen Frühstücksdirektor.


„Ich wache auf. Und mein erster Gedanke gilt meiner S-Klasse unter dem Dach des Carports des Huf-Hauses, in dem ich mich langsam an den Tag gewöhne. Es ist 9:08. Ich stehe auf und habe eigentlich gar keine Lust. Ich schreibe das meiner persönlichen Assistentin per WhatsApp mit einem Foto von meinem Garten mit Pool, in dem ein Plastiksessel mit meinem Frühstück schwimmt.


Die S-Klasse springt kaum hörbar um 10:12 an und ich rolle ganz langsam ins Büro. Mit einem Umweg zu den netten Hasen von Starbucks oder Coffee Forever oder so ähnlich. Hier lasse ich mir einen Flatwhite basteln und verzichte nicht auf den Spruch, dass dies das Leibgetränk des alten weißen Mannes sei. Es lacht kaum jemand, aber ich. Ich finde, das ist mein bisher bester Spruch heute – und der Tag ist noch lang.


Um 11:03 komme ich mit einem – Tag für Tag lauter werdenden – „Guten Morgen!“ in mein Büro. Mein Büro. Dauernd denke ich an diese zwei Worte. Wichtig frage ich schreiend das Personal am Empfang, ob es Anrufe für mich gab. Ich bin noch ein Mann des Telefons. Die Antwort warte ich nicht ab und gehe stattdessen von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz.


Abwechselnd habe ich schlechte oder gute Laune. Ich verunsichere Mitarbeiter mit einem genervten „Da-müssen-wir-noch-einmal-drüber-Reden“ und sage ihnen, sie sollen sich einen Termin mit mir machen lassen, ich hätte da noch etwas anderes mit ihnen zu besprechen, dicht gefolgt von der Frage, wie lange sie eigentlich schon bei mir arbeiten. Tatsächlich sage ich “bei uns”, aber das ist nur ein bewusster Versprecher. Bei mir, in meinem Büro, das ist es, was ich dauernd denke. 


Wichtig sieht immer gut aus, glaubt man.


Nachdem ich überall war und auch gern – immer dann, wenn ich gute Laune habe – Frauen mit Schätzchen und Männer mit Sportsfreund angesprochen habe, verziehe ich mich in mein Büro. Ein Raum von fulminanter Größe. Meine Mitarbeiter dürfen in New Work Spaces oder besser: Großraumbüros arbeiten. Ich habe gute 40 Quadratmeter für mich allein und ich bin jetzt müde, lege mich auf mein Daybed und lese Zeitung, ich versuche es, nicke jedoch ein.


Um 13:04 wache ich auf und gehe direkt zu Tisch – keine Anrufe bitte in der Pause! Ach Mensch, beim Italiener habe ich mich natürlich wie jeden Tag mit Luigi verquatscht, dem ich gern Auskunft über meinen italienischen Sportwagen gegeben habe. Dazu gab es Wein aufs Haus. Leicht angetrunken komme ich zurück ins Büro. Mein lallend vorgetragener Wunsch, meiner persönlichen Assistentin noch etwas diktieren (zwinker, zwinker) zu wollen, erwiedert, nein erwidert sie mit der Frage, ob wir das nicht morgen machen können. Ich überlege, muss mich dabei am Empfangstresen festhalten und bin auch der Meinung, dass das möglich ist. Zumal ich jetzt noch einen auswärtigen Termin habe und nicht mehr zurück ins Büro komme, open end, capici?!


Um 15:07 bin ich wieder zu Hause. Ich bin so dermaßen geschafft und müde – aber nur kurz hinlegen – zum Abend steht ein Business-Dinner mit Geschäftsfreunden aus Wuppertal an, da muss ich wieder fit sein. Punkt.“


Das habe ich erlebt oder erzählt bekommen. Der gemeine Frühstücksdirektor kann überall sein. Frauen sind es seltener. Es sind vor allem die Unternehmer-Hirsche, die sich so durch ihr Büro balzen.


Mitarbeiter haben dort wenig zu lachen oder sie lachen mit und sichern sich damit ihren Arbeitsplatz. Vermeintlich. Denn Frühstücksdirektoren sind sehr vergesslich und oberflächlich. Loyalität wird hier noch gern mit dem Tragen einer Tasche verwechselt.

Wie wichtig gute Führung ist, wie wichtig Emotionen im Büro sind, ist leicht nachvollziehbar, wenn man sich die Historie von durchaus großen Unternehmen, die es nicht geschafft haben, anschaut. Oft war die Führung oder auch der alleinige Geschäftsführer ein regelrechter „Frühstücksdirektor“.


Gern breche ich hier kurz eine Lanze. Lange wurden Unternehmen wie ein Ein-Hand-Segler vom Unternehmer selbst aufbaut. Mit Herrschaftswissen und einer Das-kann-ich-nur-allein-machen-Einstellung. Blood, Sweat and Tears beschreiben diesen Weg. Am Höhepunkt angekommen, begann eine Zeit des Ausruhens – in der Regel auf Lorbeeren. Jetzt kamen die „Soldaten“, das Fußvolk, in die verantwortliche Operative. Das klappte natürlich nicht. Der vormalige Ein-Hand-Segler fuhr mit allen Segeln, jedoch ohne Führung. Die war zu der Zeit auf dem Golfplatz. Das kann einfach nicht gut gehen.


Gutes Führen besitzt ein paar notwendige Leitplanken und eine Haltung zu den Mitarbeitern.


1. Mitarbeiter sind Teil des Erfolges und sollten auch so behandelt werden. Nur mit ihnen wird ein Unternehmen erfolgreich.
2. Mitarbeiter brauchen klare Anweisungen auf Augenhöhe und sie brauchen für sich Perspektiven. Nur so bleibt ein Unternehmen erfolgreich.
3. Mitarbeiter denken in erster Linie nicht an den Erfolg des Unternehmens, sie denken an sich, an ihr Leben, an ihre Work-Life-Balance. Das ist kein Verbrechen, das ist der Deal, den man mit ihnen eingeht.
4. Mitarbeiter brauchen Antworten auf Fragen. Diese Fragen sind immer wichtig und sollten nicht abgetan werden oder unbeantwortet bleiben, denn Antworten sind ein Zeichen des Respekts. Und da sind Mitarbeiter ganz empfindlich. Respekt ist der Schlüssel zu bester Zusammenarbeit.
5. Mitarbeiter brauchen Pausen. Sie sind so wichtig, weil sie den Tag strukturieren und die Leistungsfähigkeit erhalten. Gute Pausen bringen gute Leistungen und machen gute Arbeitstage.
6. Mitarbeiter brauchen Motivation. Eine gute Atmosphäre ermöglicht das Aushalten von echten Projekt-Marathons. Hier ist der Animateur in der Führungspersönlichkeit gefragt. Der Aufwand lohnt sich – das Ergebnis zeugt von Leidenschaften.
7. Mitarbeiter brauchen eine sehr gute Unternehmensführung. Die haben sie sich verdient. Es macht sie stolz, in einem modernen Unternehmen zu arbeiten, in dem sie das Wichtigste sind. Jede Customer Journey beweisst das. Dort, wo der Mensch agiert, wird er zum Gewinner und entscheidet über den Erfolg des Unternehmens oder der Marke. Oder eben über den Misserfolg – und kann damit den größten Schaden überhaupt anrichten.


Das sind nur 7 kleine Teile einer sehr komplexen Beziehung. Sie sind Impuls und Inspiration. Für mich und mein Unternehmen sind sie essentiell.